Steam Early Access als Anlaufstelle für Betrug?

Nutzen Betrüger Valves gut gemeinten Early Access Service in Steam, um das schnelle Geld mit halbgaren Produkten zu machen?

Eine neue Klausel in den FAQ von Steam wirft das alte Thema wieder auf: wie sicher ist es eigentlich, sein Geld in einen Early Access Titel zu investieren? Wer garantiert mir, dass ich für das Geld irgendwann ein finales Produkt erhalte? Die Antwort ist genauso einfach wie ernüchternd: niemand! Tatsächlich sagt die neue Klausel aus:

 

»Es ist zu beachten, dass einige Entwickler-Teams ihr Projekt nicht beenden können. Sie sollten nur ein Spiel bei Early Access kaufen, wenn Sie es in seiner derzeitigen Fassung spielen wollen.«

 

Steam Early Access: die eigentliche Idee dahinter

 

Ursprünglich wurde Steam Early Access eingeführt, damit Indie Entwickler die Möglichkeit haben, ihr neues Spiel mit einer echten Userbase ausgiebig zu testen. Da diese Spieler das ganze nicht umsonst kriegen sondern dafür teilweise sogar recht tief in die Tasche greifen müssen (zumindest im Vergleich zu den Steam-Deal Preisen) wird garantiert, dass die jeweiligen Leute auch ein hohes Interesse an dem Titel haben und dementsprechend viel Engagement zeigen wenn es darum geht, Bugs zu finden und zum richtigen Balancing der Features beizutragen. Dass die Entwickler dabei schon in dieser frühen Phase der Entwicklung finanzielle Unterstützung erhalten ist dabei eher als positive Nebenwirkung zu betrachten, nicht aber als Sinn des Early Access. Und die gute Nachricht: die meisten Indie Entwickler nutzen den Early Access auch genau so, wie er gedacht ist.

 

Die schwarzen Schafe

Natürlich gibt es auch hier Leute, die dieses Prinzip, das ja im Grunde auf Vertrauen zwischen Hersteller und Käufer basiert, missbrauchen. Paradebeispiel dafür ist der Titel Earth: Year 2066. Hier hat ein einzelner Entwickler unter mehreren Pseudonymen auf Kunstwerke anderer Leute zurückgegriffen um die Entwicklung eines Survival Spiels auf Unity Basis vorzutäuschen. Über Steam Greenlight kam er schließlich in den Early Access, wo mehr als nur ein paar Interessierte $20 investierten, nur um an Ende ein grottenschlechtes Unityspiel zu erhalten, das jeder Hobbyprogrammierer in wenigen Stunden erstellen könnte. Durch die großartigen (nicht vom Hersteller stammenden) Artworks konnte man das vorher allerdings nicht wissen, allerdings hat ein gewaltiger Shitstorm dem ganzen Projekt ein jähes Ende gesetzt und Valve hat den erbosten Early Access Käufern schließlich den Betrag erstattet. Ein einmaliger Vorgang bisher, und wenn man sich die neue FAQ Klausel anguckt wahrscheinlich auch das letzte Mal, das Valve sich darauf einlässt.

 

Unter Verdacht: Beasts of Prey

Wenn man die Thematik aus kaufmännischer Sicht sieht, dann kann Early Access tatsächlich ein äußerst lohnendes Geschäft sein. Man muss lediglich durch gutes Social Marketing einen gewissen Hype schaffen, ein Stück Software Beasts of Prey T-Rexabliefern das ansatzweise an ein Spiel erinnert, und wenn dann genug Early Access Käufer drauf reingefallen sind, dann macht man sich aus dem Staub oder lässt sich vom Markt über F2P noch ein bisschen weiter bezahlen.

Als ein solches Projekt könnte sich das Unity Survival Spiel Beasts of Prey mausern. Ich möchte dazu anmerken: ich habe keinerlei Beweise und tue dem Entwickler somit eventuell großes Unrecht an, aber es gibt einige Indizien, die nicht unausgesprochen bleiben sollten.

Zuallererst fällt der Hersteller auf: Octagon InteractiBeats of Prey Logove, „owned and operated by Denurea Invest S.L., Spain“. Jemals von dieser Investment Firma mit Sitz in Palma auf Mallorca gehört? Nein? Da seid ihr nicht die einzigen. Und es gibt auch im Internet praktisch nichts, was man zu dieser dubiosen Firma finden könnte.

Doch egal erstmal, widmen wir uns dem Spiel. Auffällig ist, dass alles, also wirklich ALLES zu Beats of Prey praktisch aus dem Nichts Ende März 2014 – April 2014 aus dem Boden gestampft wurde.

Facebook beigetreten: 27. März 2014. Erste News auf IndieDB 13.April 2014. Der Account hat weder Activity Points noch irgendwelche Freunde (bis auf einen). Start der Website: 13.April 2014. Und bereits 2 Monate später werden im Early Access 32€ dafür verlangt... nun ja, schon etwas seltsam, oder?

Aber bevor wir weiter spekulieren schauen wir uns doch mal das Spiel selbst an. Wir brauchen Fakten. Es basiert auf Unity, der so ziemlich günstigsten 3D Engine die man kriegen kann. Einige Aufbau Features sind schon eingebaut, das ist allerdings auch nicht allzu viel Arbeit. Ein paar Texturen, ein paar 3D Modelle, ein bisschen Programmcode und das war's. Kann man locker in 2 Monaten schaffen. Das was wirklich aufwendig ist, das sind Animationen. Als großen USP preist Beasts of Prey Dinosaurier an. Diese sind vorhanden, sie sind nett modelliert, aber die Animationen: furchtbar. Dazu Clipping Fehler, Lags, Abstürze... selbst für Early Access ist das schon hart.

Nun gut, das ist alles durchaus immer noch üblich, wobei dieser kurze Zeitraum zwischen Auftauchen aus dem Nichts und Early Access schon seltsam ist, zumal sich in der Zwischenzeit nicht viel getan hat. Hier und da mal ein Kommentar, aber keine spielbare Demo. Kein Wunder: die würde einem Hype bei dem Produkt stark im Wege stehen.

Was bei mir persönlich aber schließlich das Fass zum Überlaufen gebracht hat sind die schier unmöglichen Ankündigungen: die gesamte Welt soll in nur einer einzigen Instanz stattfinden! Die Welt wächst automatisch wenn mehr Leute auf dem Server sind, und schrumpft wieder wenn Leute den Server verlassen! Ganz ehrlich: wie soll das gehen? Sowohl technisch als auch spielerisch? Was für eine Maschine und Internetanbindung soll das sein, die einen Shooter (bei dem es auf jede hundertstel Sekunde ankommt) theoretisch tausende von Spielern auf einem Fleck bewältigt? -Es gibt einen Grund weshalb kein Battlefield und kein CoD, ja nicht einmal WoW so etwas anbietet: weil es technisch schlicht und ergreifend nciht möglich ist! Das kann nicht klappen, und das wird nicht klappen, so einfach ist das!

Und mit diesen völlig überzogenen Versprechungen habe ich mir dann noch einmal alles angesehen, von dem IndieDB Account über Facebook und der Steam Seite bis ich schließlich wieder auf der Website und der Denurea Invest S.L. gelandet bin.

Und na klar: es würde aus Investorensicht absolut Sinn machen: mit einer Handvoll Leute für 2,50€ einen Unity Prototypen aus dem Boden stampfen, die Social Kanäle sinnvoll bedienen, im Early Access kassieren und dann ab in den Sonnenuntergang. Tatsächlich würde bei dem beworbenen Zahlmodell „You pay once and you play forever“ aus rein finanzieller Sicht auch gar nichts anderes wirklich Sinn ergeben! Neues Geld kann nur durch neue Spieler verdient werden, mehr Spieler würden aber mehr Serverkosten bedeuten, denn wenn diese die Massen nicht mehr bewältigen können, dann wird sich niemand mehr das Spiel kaufen weil es einen recht schlechten Ruf genießen wird.

Die Frage ist: ist diese Investment Firma auf einen schnellen Erfolg aus, oder erhofft sie sich hiermit langfristige Einnahmen? Wahrscheinlich ist man für beide Fälle vorbereitet und stellt sich da ganz auf die Reaktion des Marktes ein. Schneller Erfolg bedeutet: Early Access abkassieren und dann die Hufe machen, langfristig kann es nur ein Wechsel in den F2P Markt mit Mikrotransaktionen sein, denn als Pay2Play Titel ist das Ding schnell vergessen.

Im Endeffekt wird das wahrscheinlich so laufen: nach dem Early Access bleibt das kurzzeitig Pay2Play, nachdem das dann abgeschöpft ist wird F2P mit Mikrotransaktionen eingeführt und schließlich wird der Laden dicht gemacht.

Von Betrug kann man hier freilich nicht sprechen, allerdings könnte man für ein Spiel dieser Qualität ohne Early Access niemals 32€ verlangen. Dieses ganze Projekt widerspricht irgendwie dem ursprünglichen Early Access Gedanken, es riecht nach reiner Marktausbeute, man entdeckt einfach kein Gesicht, das dahinter steckt. Das macht es verdächtig, also erwartet nicht zu viel, wenn ihr in Beats of Prey investieren wollt.

 

In welche Projekte sollte ich investieren?

Diese Frage lässt sich grundsätzlich ganz einfach beantworten: in alle Spiele, mit denen ihr euch wirklich beschäftigen wollt. Natürlich solltet ihr überprüfen, ob diese Spiele, oder besser gesagt die Entwickler der Spiele, eurer Aufmerksamkeit auch würdig sind. Denn wie eingangs erwähnt geht es im Early Access darum, einen sympathischen Entwickler bei seinem Projekt zu unterstützen.

Was macht einen Entwickler sympathisch? Im Idealfall haben der oder die Schöpfer bereits kleinere Projekte vorzuweisen, z.B. Flashspiele mit kreativen Konzepten. Sie posten regelmäßig und viel entweder in ihren eigenen Blogs oder in ihren IndieDB Accounts. Sie suchen den Kontakt zu ihren Fans, geben Feedback über das Feedback, sie wollen niemanden abzocken sondern einfach nur ihr Baby zum Erblühen bringen. Sie stecken ihre Seele in ihre Projekte, und das merkt man bei jeder einzelnen News die sie posten. Dabei machen sie keine Versprechungen, die sie ganz offensichtlich nicht halten können - im Gegenteil, sie teilen ihre eigenen Grenzen und Zweifel offen mit, damit jeder genau weiß, woran er ist.

Wenn man sich ein wenig mit dem Hintergrund einer Spieleschmiede beschäftigt, dann stellt sich von ganz allein das Gefühl ein, ob man diese Leute unterstützen sollte oder nicht. Das erfordert natürlich etwas Zeit und Sorgfalt, aber am Ende kann es sich lohnen! Denn wer weiß: vielleicht seid genau ihr diejenigen, die den entscheidenden Punkt ansprechen, der aus einem mittelmäßigen 08/15 Titel ein großartiges Spielerlebnis macht, das man so zuvor niemals gesehen hat. Und genau DAS ist der Sinn von Early Access.

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