Guitar Hero Live Review

Guitar Hero meldet sich mit neuem Look und neuer Plastikgitarre zurück. Macht das virtuelle Rockstar-Dasein immer noch so viel Spaß wie früher? Wir haben es getestet!

Teaser

Neues Spiel, neuer Controller

Wir hatten schon gedacht, sie wären ausgestorben, würden nie wieder zurückkehren. Schließlich hatten wir jahrelang nichts von ihnen gehört. Doch dann kam die große Überraschung: Es sollte ein Comeback geben. Die Rückkehr der Musikspiele mit Plastikinstrumenen! Electronic Arts kündigte Rock Band 4 an und Activision Guitar Hero Live. Beide sind mittlerweile erschienen und während Rock Band sich auch im vierten Teil treu bleibt und eigentlich keine großen Veränderungen durchmacht, wagt Entwickler Freestyle Games mit dem neuen Guitar Hero eine Art Reboot. Klar, das Grundprinzip bleibt unverändert. Noch immer drücken wir im Rhythmus bekannter Rock-, Metal- oder auch Pop-Songs auf Tasten und versuchen, möglichst hohe Punktzahlen zu erreichen und wenig Fehler zu machen. Aber nicht nur das ganze Drumherum ist anders, auch der Gitarren-Controller hat eine Umgestaltung erlebt.

Bislang kannten wir die Plastikklampfe von Guitar Hero als ein Gerät mit fünf Tasten am Hals, in Guitar Hero Live sind es sechs Stück. Damit die aber auch alle gut mit den Fingern zu erreichen sind, sind sie in zwei Dreierreihen angeordnet. Das führt dazu, dass sich „Guitar Hero“-Veteranen ganz schön umgewöhnen müssen, wenn sie auf den Schwierigkeitsgraden ab „Normal“ bestehen wollen. Denn nur auf den untersten beiden Stufen werden lediglich die unteren drei Tasten benutzt. Für diejenigen, die schon mal einen oder mehrere Teile der Serie gezockt haben, wird das auf Dauer viel zu einfach sein, da auch das Tempo, in dem die „Noten“ den virtuellen Gitarrenhals nach unten fahren, sehr gering gehalten ist. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad zieht die Geschwindigkeit etwas an und alle sechs Tasten werden genutzt – inklusive Barré-Akkorden (zwei übereinanderliegende Knöpfe zeitgleich gedrückt halten). Das Spiel wird dabei nicht superschwer, trotzdem hätten wir uns in Guitar Hero Live noch eine Schwierigkeitsstufe zwischen „Casual“ und „Normal“ gewünscht, bei der entweder drei Tasten bei höherer Geschwindigkeit oder alle sechs bei etwas niedrigerem Tempo gespielt werden müssten. 

Dennoch lässt sich festhalten, dass man tatsächlich schneller in das Spiel mit sechs Knöpfen reinkommt, als man denkt. Am Anfang mag es euch vielleicht so vorkommen, als würdet ihr es niemals hinbekommen, selbst die einfachsten Songs zu spielen. Doch nach einiger Zeit hatten wir den Bogen raus und konnten zumindest bei einem Großteil der Songs in Guitar Hero Live ganz gute Ergebnisse erzielen. Bis dahin gewöhnten wir uns auch daran, dass uns auf dem Bildschirm nicht mehr bunte Kreise angezeigen, welche Tasten wir zu drücken haben, sondern schwarze (obere Reihe) und graue Icons (untere Reihe) in Plektron-Form.


Virtuelle Bühnenerfahrung sammeln

Doch kommen wir zum eigentlichen Spiel, denn auch hier hat sich einiges getan. Guitar Hero Live ist in zwei Spielmodi eingeteilt: „Live“ und „Guitar Hero TV“. Zu Letzterem kommen wir später, Ersteres ist die Kampagne, die dem Spiel letztendlich auch seinen Untertitel verleiht. Im Gegensatz zu den Vorgängern stehen nun nicht mehr Comic-Charaktere auf der Bühne, sondern echte Menschen – und ihr seid einer davon. Tatsächlich wurden für Guitar Hero Live imposante Konzertszenen mit unterschiedlichen Bands inszeniert. Ihr verfolgt das Geschehen aus der Ego-Perspektive, natürlich aus der Sicht des Gitarristen. Je nachdem, ob ihr gut spielt oder ständig Fehler macht, reagieren Publikum und eure Bandkollegen positiv oder negativ darauf. 

Die Videos sind handwerklich sehr hochwertig gemacht. Man merkt, dass Activision hier richtig Geld in die Hand genommen hat, um etwas Ordentliches zu produzieren. Grundsätzlich kommt auch eine gute Konzertstimmung auf. Manche Bemerkungen der anderen Musiker wirken aber arg gestellt und sorgen deshalb für leichte Fremdschäm-Momente. 

Dafür stimmt die Musikauswahl: In jedem Level der Kampagne spielt ihr mit einer anderen Band. Dabei stehen Setlists mit jeweils drei bis vier Songs auf dem Programm. Die Genrevielfalt kann sich sehen lassen und es sind viele bekannte Künstler mit dabei. Von den Imagine Dragons über Fall Out Boy und Blink-182 bis hin zu Linkin Park und Rise Against ist für fast jeden Geschmack etwas dabei. Sogar Popnummern wie „Waking Up in Vegas“ von Katy Perry und „California King Bed“ von Rihanna sind mit von der Partie. Und Fans von Dubstep freuen sich über „Bangarang“ von Skrillex. Man fragt sich zwar schon, was so ein Song in einem Guitar Hero verloren hat, aber vielleicht hängt das ja auch damit zusammen, dass Freestyle Games einst das wenig erfolgreiche DJ Hero entwickelt haben.


MTV zum Mitspielen

Nun enthält die Kampagne gerade einmal 42 Songs, auf die ihr auch im „Schnellen Spiel“ zugreifen dürft, sobald ihr den jeweiligen Level absolviert habt. Aber hatte Activision nicht mehrere Hundert Lieder für Guitar Hero Live versprochen? Keine Bange, die gibt es! Allerdings nicht im Karrieremodus, sondern bei „Guitar Hero Live“, dem zweiten Spielmodus. Und der soll letztendlich auch für die Langzeitmotivation sorgen, denn hierbei handelt es sich im Kern um aktuell zwei Online-Sender, die 24 Stunden am Tag Musikvideos spielen – quasi ein MTV ohne Moderatoren, ohne nervige Klingelton-Werbung und ohne „Teen Mom“ oder irgendwelche anderen Reality-Shows. Die Songs begleitet ihr auf eurer Plastikgitarre. 

Dabei habt ihr links im Bild immer eine Rangliste, über die ihr euch mit anderen Spielern vergleicht. Im Grunde ist „Guitar Hero TV“ also eine Art Mehrspielermodus, ohne aber wirklich einen aktiven Wettbewerb zu haben. Klar, es ist schön am Ende eines Liedes auf Platz 1 zu stehen. Aber das ersetzt in keiner Weise einen richtigen Duellmodus, wie ihn die alten Teile zu bieten haben. Genau so etwas vermissen wir nämlich in Guitar Hero Live. Ihr könnt zwar eine zweite Gitarre mit der Konsole verbinden, doch am Spielgeschehen ändert das nicht viel. Das gilt ebenso für die Möglichkeit, ein Mikrofon anzuschließen. In dem Fall wird euch zwar der Text angezeigt, so dass ihr mitsingen könnt, Extrapunkte gibt es dafür aber nicht. Schade, hier verschenkt das Spiel ordentlich Potenzial.



Nahezu wunschlos glücklich macht uns hingegen „Guitar Hero TV“ mit seiner Songauswahl. Die ist mit mittlerweile über 200 Titeln nicht nur umfangreich, sondern auch enorm vielseitig. Metal-Fans freuen sich über Slipknot und System of a Down. Wer auf Rock aus den Achtzigern steht, bekommt mit Queen und Survivor („Eye oft he Tiger“) große Klassiker geliefert und falls es doch lieber poppig sein darf, stehen Ed Sheeran, OneRepublic und Bruno Mars bereit. Aber auch bei „Guitar Hero TV“ findet sich Dance-Musik von Calvin Harris und Zedd. Und auch da fragen wir uns erneut, was die in einem Spiel zu suchen hat, das sich mit Gitarrenmusik befasst? Bei „Feel So Close“ von Herrn Harris drücken wir Tasten, wenn Keyboard-Klänge ertönen, was soll denn das? Aber gut, wir wollen das Spiel deswegen nicht allzu sehr kritisieren, schließlich zwingt uns niemand, die jeweiligen Songs zu spielen. Und mehr Inhalt ist immer gut.


Das große "Aber"

Überhaupt finden wir „Guitar Hero TV“ eigentlich ziemlich cool. Die Grundidee ist fantastisch: Die Sender haben ein festes Programm, alle 30 oder 60 Minuten beginnt eine neue Show, die sich einem anderen Genre widmet. Für absolvierte Songs erhalten wir nicht nur Erfahrungspunkte, die uns im Rang aufsteigen lassen, sondern auch Münzen, die wir im Shop gegen allerlei Dinge eintauschen können. Und hier kommen wir jetzt zum großen Knackpunkt von Guitar Hero Live. Damit wir uns nämlich Lieder aus dem umfangreichen Musikkatalog auswählen dürfen, um diese dann zu spielen, wann wir wollen, brauchen wir sogenannte „Durchgänge“. Die gibt es im Shop und für Levelaufstiege. 

Grundsätzlich erspielt ihr euch genug der virtuellen Tickets, um immer wieder mal gezielt ein Lied auswählen zu können. Doch natürlich lassen sich die „Durchgänge“ auch mit echtem Geld erwerben. Und da sind wir erneut an einem Punkt angelangt, wo Mikrotransaktionen in einem Vollpreisspiel einfach nur dreist sind. Zumal ihr durch dieses System eingeschränkt seid, wenn ihr etwa einen Song wirklich üben wollt. Auf der anderen Seite disqualifiziert sich Guitar Hero Live damit als Party-Spiel. Schließlich wollen wir uns ja nicht erst längere Zeit mit dem Live-Programm beschäftigen müssen, bis wir dann mal die Songs spielen können, auf die wir Lust haben. Es gibt zwar einen Party-Pass im Shop, der euch 24 Stunden lang Zugriff auf den gesamten Musikkatalog gewährt, aber der kostet ja auch wieder Geld.


Unsere Meinung

Wir wollen nicht behaupten, dass Freestyle Games und Activision mit diesem Geschäftsmodell Guitar Hero Live kaputt gemacht haben. Aber es ist in jedem Fall ein schwarzer Fleck auf der ansonsten doch recht weißen Weste des Spiels. Denn grundsätzlich macht der Titel richtig viel Spaß und zeigt uns, was wir in den vergangenen Jahren vermisst haben. Der neue Controller gefällt uns richtig gut, die Musikauswahl ist fantastisch und der Suchtfaktor enorm hoch. Ständig sagen wir uns: „Komm schon, einen Song spielen wir noch“, obwohl es schon spät in der Nacht ist und wir eigentlich ins Bett gehen sollten. Aber dann ist da eben diese Monetarisierung, die uns einfach ärgert, die so nicht hätte sein müssen. Wenn wir uns doch wenigstens Songs permanent freischalten könnten, so dass wir immer Zugriff darauf hätten. Aber nein, das lässt Guitar Hero Live nicht zu. 

Immerhin, ein Gutes hat diese Politik: Die Entwickler liefern in regelmäßigen Abständen neue Songs, die kein zusätzliches Geld kosten. Klassische DLCs gibt es nicht. Trotzdem werden wir das Gefühl nicht los, hier ein Free-to-Play-Spiel zu zocken, für das wir aber aus irgendeinem Grund einen Vollpreis bezahlt haben (der Controller mal ausgenommen). Und das stößt uns sauer auf. Nicht so sehr, dass es uns den Spielspaß vermiest, aber zumindest müssen wir hier von einer Hassliebe sprechen und können uns nicht in reiner Begeisterung ergehen.


Guitar Hero Live
Pro
riesige Musikauswahl, wird ständig erweitert
neuer Gitarren-Controller sorgt für frischen Wind
"Guitar Hero TV" sorgt für Langzeitspaß
netter Karrieremodus mit hochwertigen Konzertvideos
Contra
dreiste Monetarisierung bei "Guitar Hero TV"
Konzertszenen nicht frei von Fremdscham
teilweise fragwürdige Musikauswahl
4 / 5