Football Manager 2016 Review

Jedes Jahr im Herbst steht ein neuer Football Manager auf dem Plan. Ob die 2016er-Version auch wieder überzeugen kann? Das erfahrt ihr in unserem Test!

Teaser

Der letzte seiner Art

Fans von Sportmanagementspielen haben es heutzutage nicht leicht. Früher, in den Neunzigern, da gab es jede Menge Vertreter dieses Genres, gerade im Bereich Fußball: Anstoss, Bundesliga Manager oder ran: Der Fussballmanager, um nur ein paar zu nennen. Von 2001 bis 2013 produzierte Electronic Arts die „Fußball Manager“-Reihe. Verantwortlich hierfür zeichnete das deutsche Entwicklerstudio Bright Future unter der Leitung von Gerald Köhler, der zuvor die ersten drei Anstoss-Teile designte. Und lange Zeit lief es für die EA-Marke auch richtig gut, doch irgendwann kam der große Abstieg. Am Ende war der Fußball Manager ein kaputtes Spiel, bei dem so gut wie nichts mehr wirklich funktionieren wollte. 

Die Fans suchten nach einer Alternative und manch einer fand sie im Football Manager des britischen Entwicklers Sports Interactive – dem letzten „größeren“ Titel seines Genres. Das Problem: Weil EA die Exklusivrechte an Bundesliga und Co für den deutschsprachigen Raum hat, darf der Titel aus England hierzulande nicht offiziell erscheinen und ist nur als englischsprachige Importversion zu haben. Trotzdem hat sich auch in Deutschland eine treue Fangemeinde gebildet. Und die freut sich nun über den Football Manager 2016, der seit November erhältlich ist – zurecht? Wir verraten es euch in unserem Test!


Realismus pur im Football Manager 2016

Wer bislang nur mit dem Fußball Manager von EA Sports in Berührung kam, dem sei vorweg gesagt: Der Football Manager ist anders. Während ihr in dem Spiel von Bright Future den gesamten Verein managt und dabei sogar den Preis der Currywurst im Stadion bestimmt, konzentrieren sich die Titel von Sport Interactive seither komplett auf den sportlichen Aspekt. Ihr seid der klassische englische Trainer im Stile eines Sir Alex Ferguson (die große Manchester-United-Legende), der die Mannschaft aufstellt, die Taktik bestimmt, das Training leitet, aber auch Transfer- und Vertragsverhandlungen übernimmt und sich um den Stab von Assistenz-Coaches, Scouts und Physiotherapeuten kümmert.

Realismus wird dabei großgeschrieben. Das liegt zum einen an der unfassbar detaillierten Datenbank vom Football Manager 2016. Zahlreiche Ligen sind mit all ihren Vereinen und Originalspielern vertreten. Fans des deutschen Fußballs toben sich in der 1. und 2. Bundesliga sowie der 3. Liga aus, aber die machen natürlich nur einen kleinen Teil der riesigen Fußballwelt aus, die im Spiel simuliert wird. Dabei geht Sports Interactive sogar so sehr ins Detail, dass alle Clubs über ihre echten Physiotherapeuten und Scouts verfügen. Noch wichtiger sind aber die Spieler, deren Werte sehr realistisch wirken. Die Datenbank des Football Managers ist so genau, dass manche Scouts in England sie angeblich nutzen, um Kicker zu finden, die es zu beobachten lohnt. Das dürfte wohl ein ordentliches Bild davon vermitteln, wie gut sämtliche Daten des Spiels sind.


Taktik ist viel, aber nicht alles

Dieser Realismus überträgt sich natürlich auch auf das Gameplay von Football Manager 2016. Der Grundbaustein für den Erfolg ist eine gute Mannschaftszusammenstellung und Taktik. Dabei reicht es nicht aus, bloß eine Formation zu wählen und die Spieler aufzustellen, die die besten Werte haben. Ihr müsst verdammt viele Dinge beachten: Ist ein Sportler fit, wie viel Spielpraxis hat er, kann er die Rolle ausfüllen, die ihr ihm zuteilen wollt? Auch die Zufriedenheit eurer Jungs spielt eine große Rolle. Ist ein Spieler eingeschnappt, weil ihr ihm zum Beispiel den Wechsel zu seinem größeren Verein verwehrt, wird sich das auf seine Leistungen auf dem Platz auswirken. Daher ist es wichtig, regelmäßig mit den Akteuren persönliche Gespräche zu führen. Ein Lob für einen Auftritt in der letzten Partie ist gut, zu viel davon kann aber auch dazu führen, dass der jeweilige Ballkünstler zu selbstsicher wird. Ihr müsst in Football Manager 2016 also nicht nur taktisch, sondern auch menschlich ein gutes Händchen beweisen. Darüber hinaus ist natürlich die genaue Analyse der Stärken und Schwächen jedes einzelnen Kickers entscheidend, wenn es um die Aufstellung und die taktischen Anweisungen geht. Ihr habt schließlich unzählige Möglichkeiten, wie ihr ein Team spielen lasst. Aber nicht jede Taktik passt zu jeder Mannschaft. Borussia Dortmund ist natürlich in der Lage, schnellen Offensivfußball zu spielen, aber der HSV ist mit seinem aktuellen Spielermaterial nicht unbedingt dafür geeignet. 

Solltet ihr zu der Sorte Trainer gehören, die ihre Vision hat und sich davon auch nicht abbringen lassen will, anstatt einfach eine passende Taktik für den eigenen Kader zu finden, behelft ihr euch mit Transfergeschäften. Denn ein starker neuer Spieler kann manchmal schon einiges bewirken. Um einen Star in euer Stadion zu holen, bedarf es jedoch mehrerer Schritte. Erst einmal müsst ihr euren Wunschkandidaten überhaupt finden. Entweder ihr lasst eure Scouts in Football Manager 2016 ganze Länder und Wettbewerbe beobachten oder ihr setzt sie auf bestimmte Spieler an. Fortan liefern sie euch stetig neue Erkenntnisse und geben Empfehlungen ab, ob ein Akteur überhaupt in euren Kader hineinpasst. Wollt ihr einen Mann verpflichten, verhandelt ihr zuerst mit dessen Verein über Ablösesumme und etwaige Bonuszahlungen und dann mit dem Spieler selbst über seinen Vertrag. Erst wenn beide Parteien dem Deal zustimmen und ihr natürlich genug Transfer- und Gehaltsbudget zur Verfügung habt, kann der Wechsel stattfinden.


Unschöne Präsentation und ein harter Einstieg

Taktik, Transfers, Training, die persönliche Interaktion mit Spielern und der Presse – das alles sind die Aufgaben, die ihr abseits des Platzes übernehmt. All das findet in Menüs statt. In sehr spröden, unattraktiven Menüs, die teilweise den Charme einer Excel-Tabelle haben. Hübsch ist das nicht gerade und ja: Der Football Manager 2016 wirkt wie seine Vorgänger auf den ersten Blick ungemein trocken und ist schwer zugänglich. Er erschlägt euch zunächst mit seinen zahlreichen Untermenüs und Optionen. Doch wer sich die Zeit nimmt (viel Zeit!) und bereit ist, sich einzuarbeiten, erkennt schon bald, wie viel Tiefgang der Titel bietet und welche Faszination dahintersteckt. Immerhin: Sports Interactive hat in diesem Jahr ein bisschen daran gearbeitet, das Spiel zugänglicher zu machen. 

Das Menü für die taktischen Anweisungen in Football Manager 2016 besteht nicht mehr bloß aus einer Liste diverser Optionen, sondern bietet zumindest teilweise schematische Darstellungen. Somit ist jetzt zum Beispiel auch außerhalb der Partien zu sehen, dass die Abwehrkette an der Mittellinie steht, wenn ihr eine hohe Defensivlinie bei sowieso schon sehr offensiver Mentalität wählt. Das macht die Taktikeinstellungen etwas durchschaubarer, was aber nicht bedeutet, dass ihr im Nu die richtige Strategie für eure Mannschaft findet. Der Football Manager bleibt ein Spiel zum Reinfuchsen. Ihr werdet nicht unbedingt von Anfang an auf der Erfolgsspur fahren, aber im echten Trainerleben ist das ja nicht anders. Manchmal brauchen Teams unter neuen Coaches halt ein paar Wochen, bis sie sich gefunden und die neue Spielweise verinnerlicht haben.


TV-Flair sieht anders aus

Abseits des Platzes ist der Football Manager 2016 keine Schönheit und auf dem Grün sieht es nicht anders aus. Die Partien lassen sich sowohl in 2D als auch 3D begutachten, wobei ersterer Modus besonders gut geeignet ist, um die Laufwege eurer Spieler und deren Verteilung auf dem Platz zu beobachten. Denn in der 2D-Variante habt ihr in jedem Fall die bessere Übersicht über das Geschehen. Rein fürs Zuschauen ist der 3D-Modus natürlich die bessere Wahl. Einen Schönheitspreis gewinnt die Grafik aber auch hier nicht. Die Stadien sind detailarm, die Spieler nur sehr grob dargestellt. Es sieht so aus, als wäre Sports Interactive in den Neunzigern steckengeblieben, was die Technik des Spiels betrifft. Hier gibt es nichts zu beschönigen, der Football Manager 2016 ist nicht weniger hässlich als seine Vorgänger.

Auch die Soundkulisse könnte kaum schwächer sein. Fangesänge, Kommentatoren? Das sucht ihr hier vergeblich. Ja, das Publikum jubelt, aber das sind nur ein paar Sounds, die aneinander gereiht wurden. Tja, und abseits der Matches kommt gar nichts aus den Lautsprechern. In den Menüs gibt es keine Musik, keinen einzigen Soundeffekt. Das alles trägt natürlich nochmal besonders dazu bei, dass der Football Manager 2016 auf Leute, die noch nie etwas mit der Serie zu tun hatten, sehr trocken wirkt. Und es ist ja auch nicht so, als würden wir Spieler uns keine neue Optik wünschen.


Die inneren Werte zählen im Football Manager 2016

Aber wie sagt man so schön: Man muss hinter die Fassade blicken. Und hinter der mangelhaften Präsentation verbirgt sich eben ein Spiel, das die Fußballwelt so realistisch abbildet wie kein anderer Titel auf dem Markt. Das merkt man nicht nur an der Datenbank und dem ganzen Geschehen abseits des Rasens, sondern auch an den Begegnungen selbst. Rein vom Ablauf her sind die im Fußball Manager 2016 nämlich so nah am echten Fußball, wie es ein FIFA oder Pro Evolution Soccer wohl niemals schaffen werden. Wer will, schaut sich die Spiele komplett und nahezu in Echtzeit an. Dann dauern sie natürlich auch fast so lang wie in echt, aber man hat eben auch das Gefühl, die Partien könnten genauso in der wahren Welt stattfinden. Nur selten kommt es mal zu KI-Aussetzern, wo wir uns fragen, was unser Spieler denn bitte schön mit Aktion XY bewerkstelligen wollte. Aber gut, auch das passiert ja gut und gerne mal im echten Sport.

Das Wichtige ist vor allem, dass eure Spieler stets auf das hören, was ihr ihnen sagt. Der Fußball Manager von EA hatte das Problem, dass die Akeure so gut wie gar nicht eure Taktik beachtet haben. Beim Football Manager 2016 hingegen befolgen sie ganz klar eure Anweisungen. Wenn ihr einem Außenverteidiger sagt, er soll immer schön mit nach vorne rennen, dann macht er das auch und vernachlässigt dafür ein wenig seine Defensivaufgaben. Sollte euch der Verlauf einer Partie nicht gefallen, ihr wollt aber nicht direkt die Taktik komplett überarbeiten, ruft ihr den Spielern über ein Menü einfach ein paar spontane Anweisungen zu, etwa mehr Pressing, oder ihr ermutigt sie. Denn auch das kann manchmal schon Wunder bewirken.

Dadurch, dass die Matches so nah an der Realität sind, sind sie auch ungemein spannend und teilweise in ihrem Ausgang einfach nicht vorhersehbar – ganz wie im echten Leben. Ihr könnt als noch so großer Favorit in ein Spiel gehen, eine Niederlage ist auch dann nicht unmöglich. Umgekehrt kann es passieren, dass ihr als Underdog den großen Bayern die Suppe versalzt und die Allianz Arena (die im Spiel leider nicht so aussieht) als Sieger verlasst. Genau deshalb macht es so verdammt viel Spaß, der eigenen Mannschaft beim Spielen zuzusehen.


Der Mann am Seitenrand

Erfahrene „Football Manager“-Spieler, die bei der 2016er-Version noch nicht zugegriffen haben, fragen sich jetzt vielleicht, ob der neue Teil denn irgendwelche Neuerungen zu bieten hat. Oder handelt es sich etwa nur um ein Datenbankupdate mit einigen Interface-Verbesserungen, die wir bereits angesprochen haben? Nun, die ganz großen Neuerungen in Bezug auf das Kern-Gameplay bleiben tatsächlich aus. Hier haben sich nur Feinheiten geändert. Beispielsweise wurden die Pressekonferenzen um neue Fragen erweitert und der Editor für Standardsituationen, mit dem ihr genau bestimmt, wie eure Mannschaft Freistöße, Eckbälle und Einwürfe ausführen soll, wurde ein wenig überarbeitet.

Das einzig wirklich neue Feature im normalen Karrieremodus ist die Möglichkeit, ein 3D-Abbild von euch zu erstellen, das während der Partien in der Coaching-Zone steht und mitjubelt, wenn eure Mannschaft ein Tor schießt. Der Charaktereditor ist jedoch ziemlich überschaubar, was natürlich mit der simplen Engine zu tun hat. Euch stehen lediglich eine Handvoll Outfits und Frisuren zur Verfügung, immerhin lassen sich aber auch die einzelnen Bestandteile des Gesichts anpassen. Dennoch ist das Ganze nicht mehr als eine Spielerei – nett, aber wirklich gebraucht hat es niemand.


Der Traum vom eigenen Club

Etwas anders sieht es da schon bei den zwei neuen Spielmodi aus. Wer keine Lust hat, einen Verein der realen Fußballwelt zu Ruhm und Ehre zu führen, sondern lieber etwas Eigenes aufbauen möchte, kann das im „Create-A-Club“-Modus des Football Manager 2016 tun. Endlich lässt sich auch im Football Manager ein eigener Verein gründen, allerdings mit einer Einschränkung: Ihr übernehmt den Platz eines anderen Clubs, indem ihr ihn als Basis für euer neues Team verwendet. Es ist möglich, dessen Trikots, Mitarbeiter und sogar den ganzen Kader zu übernehmen, sofern ihr das denn wollt – wobei ihr dann auch einfach mit dem Verein eurer Wahl spielen könntet. Der Reiz liegt bei „Create-A-Club“ natürlich darin, sich den Kadern selbst zusammenzustellen, noch bevor das eigentliche Spiel startet. Ihr bekommt ein festes Budget vorgeschrieben, dass ihr nicht überschreiten dürft, und sucht euch dann die Spieler aus der Datenbank heraus, die ihr haben wollt. Ihr habt etwa Lust, eine Mannschaft mit Messi, Cristiano Ronaldo und Thomas Müller zu managen? Kein Problem, dann müsst ihr bloß beim Rest des Kaders ordentlich einsparen. 

Der „Create-A-Club“-Modus im Football Manager 2016 ist in jedem Fall eine coole Ergänzung, wenn ihr mal auf etwas anderes Lust haben solltet als die ewig gleiche, normale Karriere. Etwas Ähnliches gibt es auch für Multiplayer-Fans: „Football Manager Fantasy Draft“ erlaubt euch, Online-Wettbewerbe mit bis zu sechs Teilnehmern zu spielen, in denen jeder mit seinem selbsterstellten Club antritt. Die Kicker für eure Mannschaft erhaltet ihr im namensgebenden Draft: Alle Spieler haben das gleiche Budget und picken sich nacheinander einzelne Ballkünstler aus der Liste heraus. Das macht gerade mit Freunden sehr viel Spaß und ist eine wirklich gelungene und kurzweilige Alternative zum gewöhnlichen Mehrspielermodus.


Unsere Meinung

Der Football Manager 2016 ist alles andere als ein leicht zugängliches oder optisch spektakuläres Spiel. Die trockene Präsentation und die komplexe Menüstruktur werden auch in der neuen Version viele Spieler abschrecken. Doch wer einen komplexen, realistischen und wirklich guten Fußballmanager sucht, kommt um Sports Interactives Titel nicht herum. Das liegt nicht nur daran, dass es keine wirkliche Konkurrenz gibt (zumindest keine gute). Der Football Manager ist und bleibt ein hervorragendes Spiel für all diejenigen, die stundenlang an der perfekten Taktik herumschrauben und ein realitätsnahes Fußballerlebnis haben wollen – das Wort „realitätsnah“ bezieht sich gewiss nicht auf die Optik des Spiels. Ganz große Neuerungen bleiben in diesem Jahr zwar aus, mit „Create-A-Club“ und dem „Fantasy Draft“-Modus gibt es aber nette Alternativen zu den normalen Spielmodi, die für etwas frischen Wind sorgen. Wir werden auf jeden Fall wieder etliche Wochen und Monate unseren Lieblingsverein managen, bis dann der nächste Serienteil erscheint.


Football Manager 2016
Pro
riesige, realistische Datenbank
vielfältige taktische Möglichkeiten
Originalvereine und -spieler
spannende, realistische Matches
neue Off- und Online-Spielmodi
Contra
veraltete Grafik, trockene Präsentation
sehr schwerer Einstieg
4 / 5